Zugstrecke
Von Umeå bis nach Narvik sind es etwa 800 km, mit dem Zug ca. 12 Stunden. Zugfahren in Schweden ist toll. Man hat immer seinen reservierten Platz; hier im Norden kann man nicht auf dem falschen Bahnsteig landen, weil es eh immer nur einen gibt; das Umsteigen läuft gemütlich und ohne typisch deutsches Drängeln ab; in den neuen Zügen gibt es an jedem Platz Steckdosen usw. Und natürlich kann man sehr viel von der Landschaft sehen. In der Gegend um Umeå war das noch der tolle grün-gelb gefleckte Wald, der dann nach Norden hin in weniger bunten Wald und schließlich in die weite, etwas eintönige Landschaft Lapplands überging. Sehr beeindruckend: dort oben ist wirklich NICHTS. Ab und zu mal ein Strommast und alle 30-60 min hält der Zug in einem kleinen Kaff, aber sonst nur Gestrüpp ohne Blätter (vermittelt schon richtiges November-Feeling), braunes Gras und Seen. Aber in dieser Öde hatten wir tatsächlich das Glück, Rentiere und Elche zu sehen!
Nach Kiruna wird es dann aber richtig spannend - plötzlich tauchen Berge auf und die Zugstrecke verläuft kilometerlang an einem sehr großen See. Wir hatten auch noch das unheimlich Glück, dass der bisher wolkenverhangene Himmel aufriss und wir diese atemberaubende Landschaft in wunderschönem Abendlicht erleben konnten. Das hatte zur Folge, dass wir ab Kiruna praktisch nur noch an der Fenstern hingen und versuchten, diese Eindrücke fotografisch festzuhalten. Wir hatten den ganzen Wagen für uns und sind wie kleine Kinder von einer Seite auf die andere gesprungen, auf die Sitze geklettert...total lustig. Mit der höchsten Stelle erreicht man dann Norwegen, wo sich die Landschaft schlagartig ändert. Ein tiefes Tal tut sich auf und der Zug schlängelt sich an steilen Felswänden entlang. Und das beste: im ersten Teil des Tales fließt noch ein Fluss, dann aber führt die Strecke hoch über einem Fjord entlang. Diese Blicke waren wirklich atemberaubend. Sehr schnell geht es bergab (ich habe noch nie so einen Neigungswinkel im Zug erlebt, der musste richtig heftig bremsen!) und es ist nicht mehr weit bis Narvik.
Jimmy
In Narvik wurden wir von Jimmy abgeholt. Jimmy habe ich über Couch Surfing kennen gelernt. Für diejenigen, die davon noch nichts gehört haben: Couch Surfing ist eie Internetplattform, wo man als Mitglied nach Leuten suchen kann, die in ihrer Wohnung eine Couch übrig haben und diese Reisenden zur Verfügung stellen. Die Bedingungen können ganz unterschiedlich sein (Anzahl der Reisenden, Dauer des Aufenthalts, Verpflegung, ...) und wir hatten mit Jimmy sehr viel Glück. Jimmy ist 45 Jahre alt, im Versicherungsbereich tätig und Globetrotter. Er hat schon wahnsinnig viele Länder bereist und diesen Mittwoch ging es für ihn nach Aserbaidschan, Georgien und Armenien. Was ihn allerdings nicht daran gehindert hat, unser Gastgeber zu sein! Abends wurden wir noch mit Eis bewirtet, haben schön erzählt (seinen Reiseerzählungen könnte man ewig zuhören...), dann super auf der Couch geschlafen, am nächsten Morgen schönes Frühstück gemacht. An diesem Tag hat es dummerweise wie aus Eimern gegossen, aber trotzdem hat Jimmy uns mit dem Auto durch die tolle Fjordlandschaft um Narvik gefahren. Dort war es auch so schön, dass uns der Regen gar nicht gestört hat (ihn schon). Dann hat er uns in Narvik auch noch den besten Aussichtspunkt gezeigt. Nach dem Ausflug gab´s Pizza und dann sind Steffi und ich nochmal alleine losgezogen. Als wir eine Skipiste hochgeklettert waren, hatten wir noch mal einen schönen Blick über die (allerdings recht graue) Stadt. Und abends nochmal spannende Reisegeschichten sowie interessante Insider-Infos zu Norwegen... schonmal drüber nachgedacht, wie das ist, wenn man während der Polarnacht 2 Uhr aufwacht und nicht weiß, ob Tag oder Nacht ist? Oder schonmal überlegt, dass Norwegen (und erst recht Umeå) auf der Länge von Polen liegt und in dem Sinne gar nicht zu Westeuropa gehören kann? Bei Jimmy war´s jedenfalls super und ich bin nach dieser tollen Erfahrung sehr überzeugt vom Couch Surfing-Konzept. Früh hat er sich vor der Arbeit verabschiedet und von uns noch Halloren-Kugeln bekommen. Wir hatten dann sogar den Schlüssel und konnten bis zur Abfahrt des Zuges noch dort bleiben.
Mit dem Zug ging es dann diese tolle Strecke zurück. Das, was bei der Hinfahrt schon in der Dämmerung verschwunden war, konnten wir nun richtig gut sehen. Und auch diesmal wurde das Wetter gerade rechtzeitig besser!
Kiruna
Mit einer Fläche halb so groß wie die Schweiz ist Kiruna die größte Stadt der Welt. Dass hier Eisenerz abgebaut wird, kann man nicht übersehen. Nur wegen des Erzes existiert Kiruna überhaupt und nur wegen des Erzes gibt es Narvik und die Zugstrecke zwischen den beiden Städten. Was einen aber ziemlich ins Grübeln bringt - die Stadt muss innerhalb der nächsten Jahre umziehen. Vor hundert Jahren, als es mit dem Erzabbau richtig losging, hat man das oberirdisch getan; das ging auch 60 Jahre lang. Dann wurde gegraben und unterdessen sind sie 1 km unter der Erde! Bisher wurden mehr als 1 Mrd Tonnen Eisenerz abgebaut. Dort, wo abgebaut wird, kann allerdings nur mit losem Schutt aufgefüllt werden, was sehr instabil ist. Folge: die oberen Regionen rutschen nach. Dummerweise liegt der Erzgang so, dass man in Richtung der Stadt weitergraben muss, sodass dieses Nachrutschen bald auch die Eisenbahn, die Hauptverkehrsstraße und das Zentrum betreffen wird. Schon jetzt soll es Spalten in der Erdoberfläche geben, in denen ganze Busse verschwinden könnten, manche Gebiete haben sich schon um 40 Meter gesenkt! Nun ja, die Pläne für den Umzug stehen und besondere Gebäude wie die Kirche oder das Stadhuset sollen dabei irgendwie im Ganzen transportiert werden...
In Kiruna waren wir in einem Hostel, was nicht annäherungsweise an die tolle Unterkunft bei Jimmy gerangekommen ist. Auch hier sind wir wieder auf einen (sehr steilen) Skihügel geklettert, um einen guten Blick auf die "Stadt" (also auch auf die nächsten 100 km Land) haben zu können. Eine Sonderausstellng zu Kirunas Umzug sowie ein kleines Museum über die Sami waren das Programm für den nächsten Tag, ehe wir die Heimreise antreten sollten.
Dummerweise hatte der Zug eine Stunde Verspätung. Aber das war alles kein Problem, alle Anschlusszüge haben gewartet (alles andere wäre bei der "Fahrdichte" hier auch unmöglich) und in Vännäs hab ich Steffi verabschiedet, die mit dem Nachtzug bis Uppsala reisen solte (und leider erst in Stockholm aufgewacht ist...hehe). Jetzt sitz ich bei grässlichem Wetter in Umeå und versuche krampfhaft, mir das nächste Wochenende für die Aufarbeitung des Uni-Krams freizuhalten. Das gestaltet sich aber gar nicht so einfach...
Ich hoffe, ihr habt meine Landschaftsbilder noch nicht satt...hier kommen sie wieder in geballter Ladung und das ist nur eine Auswahl! Wenn´s vorne verschwommen ist, ist das nur ein Zeichen von Geschwindigkeit;-)
| mit dem Zug nach Narvik und Kiruna |
2 Kommentare:
Moin!
Die Fjordbilder sind wirklich ein Traum und auch die Berichterstattung ist mal wieder reiselusterweckend...;)
Couch-surfing klingt interessant, auch wenn ich da in Deutschland wohl manchmal sehr skeptisch wäre.
Den Umzug einer ganzen Stadt stell ich mir sehr interessant vor, mir haben unsere paar Kisten immer schon gereicht.
Allerdings würd mich die Dunkelheit auf Dauer wohl irre machen...
LG auch von Linda
Lars
Wenn ich die Bilder sehe, will ich gleich sofort wieder hin!!!!
Es war so schön!
Steffi
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